Vera Ida Müller
cut
Vera Ida Müllers Interesse gilt jenen unbekannten Privatfotografien, die nie ins Familienalbum aufgenommen worden sind. Das Sujet ist unscharf, die Person in unvorteilhafter Pose, Bewegungen oder Körperteile sind abgeschnitten. Vor allem aber eignen sich diese Bilder schlecht dazu, später eine Erinnerung zu rekonstruieren oder eine Geschichte zu erzählen. Eben solche Bilder, Abfälle, Ausschussmaterial, werden von der Künstlerin gesammelt. Sie erzählen andere, wenn auch leisere Geschichten. Auf ihren Gemälden werden Fragmente solcher Erinnerungsbilder neu zusammengesetzt und überlagert. Mit den Mittel der Malerei gelingt es der Künstlerin Bildräume zu entwerfen, die jene der anonymen Fotografie um Wahrnehmungsebenen erweitern.
Die Serie Blickpunk beispielsweise versammelt verschiedene Ansichten desselben Familienanlasses. An den Tischen sind nicht Gruppen, sondern vereinzelte und in sich versunkene Gestalten erkennbar. Die Konturen sind unscharf, wobei die Personen aus dem nachtschwarzen Hintergrund tauchen und unangenehm grell ausgeleuchtet werden. Die Bilder vermitteln Unbehagen. Sie zeichnen ein düsteres Bild des vermeintlich ausgelassenen Anlasses.
Während Blickpunkt eine Übersicht dieser sozialen Situation vermittelt, zeigt die 4er Serie Selbst Personen in Nahaufnahme. Es sind auf Stühlen sitzende Menschen, die durch ihre Gesichtslosigkeit keine Identität besitzen. Der Fokus liegt auf dem Spiel ihrer Hände, die sie schützend vor Schoss und Bauch verschränken. Interessant ist hier, dass Vera Ida Müller das Objekt in der Zoom-Bewegung gleichzeitig abstrahiert. Gesten, Hände und das Stoffmuster ihrer Kleider sind nur noch angedeutet. Die Figuren scheinen durch den Einsatz von Licht und Farbe gleichsam durchleuchtet, aufgelöst, an einer empfindlichen Stelle berührt. Ihr Unbehagen wird auf unangenehme Weise sichtbar gemacht.
Für die Serie Vakuum geht die Künstlerin noch einen Schritt weiter. Die Bilder zeigen kaum mehr einen klar erkennbaren Gegenstand, die Körpergrenzen sind fast gänzlich aufgelöst. In Vakuum ist nur noch dieser Zustand des Unbehagens selbst abgebildet. Indem Müller die Körper sprengt und in sie eintaucht, stellt sie mit diesen Bildern die Grenzen von Innerer und äusserer Wirklichkeit in Frage.
“cut” – der Titel der Einzelausstellung – benennt treffend die unterschiedlichen Ebenen von Vera Ida Müllers Arbeiten. „Cut“ meint hier ebenso das Abgeschnittensein der Bilder von ihrem Entstehungszusammenhang und ihrer ursprünglichen Erinnerungsfunktion, wie auch die Technik des Schnitts, der sich die Künstlerin bedient. Der Film wird bewusst dort geschnitten, wo die Ränder der Wahrnehmung, das unsichtbare oder scheinbar Belanglose liegt. Diese Fragmente werden herangezoomt und abgetastet. Mit differenziertem Einsatz des Pinsels und des Farbauftrages untersucht Vera Ida Müller nicht nur den Sinngehalt von unterschiedlichen Menschenansammlungen, sondern reflektiert ebenso vorsichtig wie schonungslos das subtile Unbehagen ihrer einzelnen Protagonisten. Die in der Ausstellung versammelten Gemälde erscheinen denn wie eine Reihung von Bildfragmenten eines Filmes. Sie erzählen vom Un-heimlich, denn sie stellen auf eindringliche Weise einen emotionalen Bezug zum anonymen Geschehen her und überwinden damit die Distanz zwischen Bild und Betrachter.
Barbara Preisig
Vera Ida Müllers Interesse gilt jenen unbekannten Privatfotografien, die nie ins Familienalbum aufgenommen worden sind. Das Sujet ist unscharf, die Person in unvorteilhafter Pose, Bewegungen oder Körperteile sind abgeschnitten. Vor allem aber eignen sich diese Bilder schlecht dazu, später eine Erinnerung zu rekonstruieren oder eine Geschichte zu erzählen. Eben solche Bilder, Abfälle, Ausschussmaterial, werden von der Künstlerin gesammelt. Sie erzählen andere, wenn auch leisere Geschichten. Auf ihren Gemälden werden Fragmente solcher Erinnerungsbilder neu zusammengesetzt und überlagert. Mit den Mittel der Malerei gelingt es der Künstlerin Bildräume zu entwerfen, die jene der anonymen Fotografie um Wahrnehmungsebenen erweitern.
Die Serie Blickpunk beispielsweise versammelt verschiedene Ansichten desselben Familienanlasses. An den Tischen sind nicht Gruppen, sondern vereinzelte und in sich versunkene Gestalten erkennbar. Die Konturen sind unscharf, wobei die Personen aus dem nachtschwarzen Hintergrund tauchen und unangenehm grell ausgeleuchtet werden. Die Bilder vermitteln Unbehagen. Sie zeichnen ein düsteres Bild des vermeintlich ausgelassenen Anlasses.
Während Blickpunkt eine Übersicht dieser sozialen Situation vermittelt, zeigt die 4er Serie Selbst Personen in Nahaufnahme. Es sind auf Stühlen sitzende Menschen, die durch ihre Gesichtslosigkeit keine Identität besitzen. Der Fokus liegt auf dem Spiel ihrer Hände, die sie schützend vor Schoss und Bauch verschränken. Interessant ist hier, dass Vera Ida Müller das Objekt in der Zoom-Bewegung gleichzeitig abstrahiert. Gesten, Hände und das Stoffmuster ihrer Kleider sind nur noch angedeutet. Die Figuren scheinen durch den Einsatz von Licht und Farbe gleichsam durchleuchtet, aufgelöst, an einer empfindlichen Stelle berührt. Ihr Unbehagen wird auf unangenehme Weise sichtbar gemacht.
Für die Serie Vakuum geht die Künstlerin noch einen Schritt weiter. Die Bilder zeigen kaum mehr einen klar erkennbaren Gegenstand, die Körpergrenzen sind fast gänzlich aufgelöst. In Vakuum ist nur noch dieser Zustand des Unbehagens selbst abgebildet. Indem Müller die Körper sprengt und in sie eintaucht, stellt sie mit diesen Bildern die Grenzen von Innerer und äusserer Wirklichkeit in Frage.
“cut” – der Titel der Einzelausstellung – benennt treffend die unterschiedlichen Ebenen von Vera Ida Müllers Arbeiten. „Cut“ meint hier ebenso das Abgeschnittensein der Bilder von ihrem Entstehungszusammenhang und ihrer ursprünglichen Erinnerungsfunktion, wie auch die Technik des Schnitts, der sich die Künstlerin bedient. Der Film wird bewusst dort geschnitten, wo die Ränder der Wahrnehmung, das unsichtbare oder scheinbar Belanglose liegt. Diese Fragmente werden herangezoomt und abgetastet. Mit differenziertem Einsatz des Pinsels und des Farbauftrages untersucht Vera Ida Müller nicht nur den Sinngehalt von unterschiedlichen Menschenansammlungen, sondern reflektiert ebenso vorsichtig wie schonungslos das subtile Unbehagen ihrer einzelnen Protagonisten. Die in der Ausstellung versammelten Gemälde erscheinen denn wie eine Reihung von Bildfragmenten eines Filmes. Sie erzählen vom Un-heimlich, denn sie stellen auf eindringliche Weise einen emotionalen Bezug zum anonymen Geschehen her und überwinden damit die Distanz zwischen Bild und Betrachter.
Barbara Preisig





